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Herr Dr. Kennedy, warum sind Sie denn hier in Deutschland?

Der Arbeit wegen, natürlich.

Ich bin Australier, studiert und promoviert habe ich in Sydney. Nach der Promotion wusste ich, dass ich als Mathematiker an der Universität weiterarbeiten möchte. Australien ist aber ein kleines Land, von der Bevölkerung her kaum größer als Baden-Württemberg und Bayern zusammen, daher ist es üblich, dass wir irgendwann ins Ausland gehen.

Europa als Ganzes hat für uns von den Antipoden sehr viel Anziehungskraft, ob wegen der Kultur, die auch den Ursprung unserer eigenen darstellt (auch wir sind auch mit den Märchen der Brüder Grimm oder dem Traum eines "White Christmas" aufgewachsen), oder der unglaublichen Vielfalt auf relativ engem Platz, oder vielleicht weil manches auf dieser Seite der Erdkugel einfach schwerer ist.

Wieso aber Deutschland? Und ausgerechnet Stuttgart?

Für uns gilt Deutschland -- auch Stuttgart -- grundsätzlich als exotisch.

Vor allem unter Wissenschaftlern erfreut sich Deutschland zudem immer noch eines sehr guten Rufes. Hier gibt es reichlich Fördermöglichkeiten, auch für Wissenschaftler aus dem Ausland. Ich bin ursprünglich als Postdoktorand mit einem Forschungsstipendium nach Deutschland gekommen, nachher bekam ich die Möglichkeit, nach Stuttgart zu wechseln.

Hier ist der Standort besonders günstig: Man ist hervorragend verbunden und vernetzt. Möglichkeiten, mit führenden Forschern in meinem Bereich zu arbeiten, gibt es im Überschuss.

Es ist auch eine interessante und wohl intellektuell zufriedenstellende Herausforderung, sich in einem unbekannten System zurecht zu finden, vor allem im Hinblick auf die Lehre. Es gilt nicht nur die Sprachbarriere zu überwinden. Da ist eine ganz andere Kultur und eine entsprechend steile Lernkurve. Das macht aber auch unwahrscheinlich viel Spaß und bietet zudem neue Perspektiven, neue Blickwinkel. Auch wenn das ein Klischee ist.

Ist tatsächlich vieles anders?

Natürlich nicht alles -- "and now for something completely different" trifft nicht in jeder Hinsicht zu. Wie jeder weiß, ist die Mathematik eine universelle Sprache, sowohl im Großen, in den Denkmustern und der Herangehensweise etwa, als auch im Kleinen: Die Definition einer konvergenten Folge oder der Jordan'schen Normalform einer Matrix ist auf der anderen Seite der Welt identisch.

Aber schon vieles. Am offensichtlichsten sind die Beziehungen hier zwischen den verschiedenen Parteien anders (Professoren, Studierenden, Promovierenden etc.), was auch die Lehre prägt. Ein paar Beispiele: Bei uns gibt es keine Assistenten in einer Vorlesung, sondern nur Lecturer (etwa Dozenten) und Tutoren. Die Lecturer sind für praktisch alle Aspekte eines Kurses verantwortlich und müssen dafür nicht habilitiert sein -- das gibt es bei uns nicht mal. Der Unterschied zwischen Professoren und anderen Mitarbeitern ist entsprechend viel geringer, die Hierarchien viel flacher und breiter, der Umgang miteinander weniger formell. Meines Wissens gilt Entsprechendes auch für den größten Teil der englischsprachigen Länder.

Hier wird viel mehr von den Studierenden verlangt, z.B. aktivere, selbstständigere Mit- und Eigenarbeit im Laufe des Semesters. Das Programm ist auch sachlich anspruchsvoller, beispielsweise fängt man im englischen Sprachraum mit etwa einem Jahr "Calculus" an und sieht die Grundlagen der Analysis erst im zweiten oder sogar dritten Jahr.

Das führt dazu, dass die hiesigen Studierenden einfach mehr können, oft sehr viel mehr; sie wirken auch reifer. Die Kehrseite ist, dass diese Leistung durch eine Art Feuertaufe hervorgerufen wird, und das setzt wohl viele unter ziemlichen Druck, Stichwort Abbrecherquote.

Wir haben ja Standards.

Schreiben wir es einer anderen Kultur zu. Wir sind relativ locker, hier dagegen nehme ich viel Tradition und einen gewissen Konservatismus wahr. Vielleicht mag das auch diesen steilen Hierarchien zu verdanken sein.

Die, sagen wir, Zuneigung zur Traditionspflege scheint sogar auf ganz Deutschland in vielerlei Hinsicht zuzutreffen: Nicht nur in der Beziehung zwischen Professoren und Normalsterblichen, sondern auch ihre ganze Bürokratie, beispielsweise Beamte auf Lebenszeit, sowie ihr Sozial- und Krankenversicherungssystem, ihr Steuersystem, Stichwort Kirchensteuer, basieren offenbar immer noch auf dem preußischen Modell aus dem 19. Jahrhundert.

Ob alles noch so optimal läuft, wie bestimmt damals der Fall war, lasse ich Sie beurteilen. Ich sage nur, die Arbeitsweise (mangels eines besseren Wortes) einiger Verwaltungen und Behörden, der Zustand der Eisenbahnen, der Autobahnen, öffentlicher Einrichtungen wie Universitäten -- das alles hat mich schon überrascht, vor allem wenn man die vergleichsweise hohe Steuerlast und wohlhabende aber zugleich relativ streng reglementierte Gesellschaft bedenkt. Ich zumindest habe den Unterschied zwischen Verpflichtung und Verantwortung kennengelernt.

Zu kritisch will ich aber nicht sein; die Universitäten hier liefern immerhin beneidenswerte Ergebnisse.

Das hört sich aber recht kritisch an. Gefällt Ihnen denn irgendetwas hier?

Nun ja, vielleicht will ich mich bloß an die einheimische Kultur anpassen, die Sprüche hevorgebracht hat wie "Ned gschompfa isch globt gnuag.". Aber im Ernst gibt es hier sehr viel zu loben. Ich liebe den Sinn der Verbundenheit. Alles ist in greifbarer Nähe und es ist immer viel los. Das gilt sowohl auf professioneller als auch auf persönlicher Ebene.

Das Leben hier ist auch sehr angenehm, solange man sich von der Bürokratie fernhalten kann, das Klima ist gemäßigt, die Natur viel sanfter und immer in unmittelbarer Nähe. Das erste Mal, das ich Schnee gesehen habe, war zauberhaft. (Ich hatte damals keinen Winterdienst.)

Die, sagen wir, Zuneigung zur Traditionspflege kommt noch hinzu: jeden Samstag der Wochenmarkt, den es bei uns gar nicht gibt, das Leben auf den Straßen, in der Altstadt. Auch der Rhythmus der Jahreszeiten: Umzüge zu Fasching im Frühjahr, die Errichtung der Maibäume, die Volksfeste im Herbst, die Weihnachtsmärkte. Alles ist im Einklang mit den schön wechselnden Jahreszeiten. Nicht mal das haben wir -- im Sommer wird es bloß heißer, die Tage etwas länger, im Winter umgekehrt.

Aber vor allem mag ich die Käsespätzle. Wie man es heutzutage so ausdrucksvoll sagt: Sie sind voll geil!

Damit meinen Sie...

Das dürfte hoffentlich klar sein. Sie sind doch des Deutschen mächtig?

Das Gleiche könnte ich Sie fragen. Wegen den vielen schlechten Wortwitzen und Ihren nervigen Übertreibungen mit dem Genitiv fragt man sich schon.

Ich fasse das als Frage danach auf, wo und wie ich Deutsch gelernt habe. Im Übrigen heißt es "wegen IHRER nervigen Übertreibungen" usw.

So gut wie alles habe ich in Deutschland gelernt. Eine Fremdsprache kann man sowieso nur bedingt in seiner Heimat lernen. Ich kam ursprünglich, wie erwähnt, mit einem Forschungsstipendium, und das umfasste am Anfang einige Monate Intensivsprachkurse. Damit habe ich vier Monate verbracht, was zwar nicht reicht, um den dichten Dschungel der Pseudoregeln und Ausnahmen zu durchdringen, der Ihre Sprache umschließt. Es bringt einen aber weit genug, dass man nachher den Versuch auf eigene Faust fortsetzen kann.

Wollen Sie hier längerfristig bleiben? Und würden Sie anderen einen solchen Weg empfehlen?

Ob ich hier bleibe, weiß ich selbst nicht. Zeit im Ausland zu verbringen -- und damit meine ich mehr als zwei Wochen Partyurlaub auf Malle -- ist fast immer lohnenswert. Ich kann es generell empfehlen, insbesondere für alle, die weiter an der Universität tätig sein wollen. Jede Universität, jedes Institut ist immer ein bisschen anders. Jedes hat gewissermaßen seine eigene "Sprache", seine Lieblingsthemen, sein eigenes Netzwerk und sein eigenes Profil. Jeder soll mal ein paar erlebt haben, wenn auch bloß um der Perspektive wegen.

Die Universitäten hier kommen mir paradoxerweise weniger international als die in meiner Heimat vor. Es würde ihnen wohl insgesamt gut tun, mehr internationalen Austausch zu fördern, mehr internationale Studierende willkommen zu heißen.

Die Institutionen, die Ausländer nach Deutschland befördern, bieten oft Programme für deutsche Promovierende und Postdoktoranden an, die ins Ausland gehen möchten. Neben dem ziemlich gut bekannten DAAD, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, erwähne ich auch die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Programme für Promovierte anbietet, von der auch ich mein Stipendium erhielt. Für Studierende gibt es natürlich das Erasmus-Programm.

Letzte Frage: Was ist mit Ihrem Namen?

Nein, so weit ich weiß, sind wir nur Namensvetter. In englischsprachigen Ländern ist der Nachname kein ungebräuchlicher, auch wenn er nicht so häufig vorkommt wie "Smith" oder "Miller". Und nein, ich bin kein Berliner.

Zu den Fragen haben Matthias Hofmann, Jan Köllner und Bartosch Ruszkowski beigetragen.

Dr. James Kennedy Dr. James Kennedy
Lehrstuhl für Analysis und Mathematische Physik
Institut für Analysis, Dynamik und Modellierung